Sprache ist lebendig! Und natürlich verändert Sprache sich, so wie wir uns verändern, über die Zeitläufte hinweg und in unserem individuellen Sein. Sonst sprächen wir uns noch heute mit dem mittelalterlichen „Ihr“ statt „Sie“ an. Diese Blogreihe zu Sprachirrungen und -wirrungen will Sprache nicht konservieren und damit zu toter Materie machen. Es geht es um das Spannungsfeld zwischen lebendiger Entwicklung und Erhaltenswertem. In diesem weiten Feld verletzen sprachästhetische Vergehen die Schönheit, Präzision und Aussagekraft unserer Sprache.
In Teil 1 nehmen wir Begriffshypes unter die Lupe.

Sprache macht den Menschen aus

Es ist gerade auch Sprache, die den Menschen als Säugetier auszeichnet; Sprache, die weit über die Verbindung von Laut und Gegenstand Kontexte erschafft, Wirklichkeit zeichnet und zu Verhalten animiert. Sprache ist weitaus mehr als ein Werkzeug, Sprache schafft Bewusstsein – wer wüsste das besser als die Werbeindustrie und die Politik! Sprache ist, um die Analogie zur Musik zu nutzen, ein Instrument, das wir in seinen Extremen kunstvoll spielen oder stümperhaft misshandeln können; sie ist eine Komposition, mit deren Elementen aus Worten, Sätzen, deren Aufbau und Miteinander jeweils individuelle Kunstwerke und Sinnenerlebnisse entstehen. Schauen wir uns die heute so inflationär genutzten Begrifflichkeiten des „Kollaborierens“, des „pro-aktiv“-Seins und der sämtlich als „spannend“ gekennzeichneten Ereignisse, Gegenstände, Zustände mal genauer an.

Ein dubioser Zeitgenosse: Der Collaborateur

Es ist, gemessen an der Menschheitsgeschichte, vor einem Wimpernschlag geschehen. Im Frankreich des Vichy-Regimes (1940 – 1944) gab es drei Formen der Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Deutschland: Die staatliche, die politische und die individuell-private Zusammenarbeit – wobei Zusammenarbeit hier den Makel des Verrats in sich trug. Der Collaborateur in dieser Sprachhistorie ist einer, der die eigenen Reihen verrät zugunsten des Feindes. Gegen Kriegsende wurden Collaborateure öffentlich gebrandmarkt, mit verschiedenen Formen der Demütigung wie dem Scheren des Kopfhaares bei Frauen, Schildern tragen „ich bin ein Verräter“ – und was sich menschliche Vergeltungslust so einfallen lässt.
Heute hat der Begriff einen wundersamen Wandel zum absolut Positiven durchlaufen. Da wird sprachgeklittert, die Kooperation sei „nur“ ein zeitweises, eher projektbezogen-unverbindliches Miteinander, die „Kollaboration“ indes sei tiefgreifender, sich stärker aufeinander Einlassen, ja fast schon eine Art Verschmelzung. Welch‘ bitterböse Ironie einer Begriffswandels – vom „sich einlassen, ja verschmelzen“ mit dem Feind hin zum Euphemismus des positiv konnotierten Gemeinsamen. Warum bescheiden wir uns nicht mit der historisch unbefleckten Kooperation und verleihen dieser Begrifflichkeit durch unser Tun die tiefgehende Interpretation eines wahrhaft vertrauensvollen, auch langfristig angelegten Miteinanders!?

Aktiv, pro-aktiv, contra-aktiv, passiv: Eine Irrfahrt

Der US-amerikanische Coach und Buchautor Stephen Covey (1932 bis 2012) hat den Begriff „proaktiv“ in die Welt gebracht. Was wollte er damit ausdrücken? Ich agiere, bin also aktiv oder ich agiere eben nicht, bin also passiv. Das ist im Englischen identisch mit dem Deutschen. Wollte man zu pro-aktiv einen Gegensatz bilden, so bliebe nur contra-aktiv – eine sinnentleerte Kreation!
Untersuchen wir den Inhalt der kleinen Vorsilbe „pro“. Was soll das bedeuten: pro unser Agieren resp. Handeln zu agieren resp. zu handeln? Geht das? Wie agiere ich „für“ eine Aktion? Covey war unterwegs in der ökonomiebezogenen Denkwelt von Effizienz und Effektivität, der berühmten Formel des, derselben Altersklasse wie Covey zugehörigen, Ökonomen Peter Drucker (1909 – 2005): die richtigen Dinge (Effektivität = Wirksamkeit) richtig zu tun (Effizienz = Wirtschaftlichkeit). Und Wirksamkeit bedarf mehr als der bloßen Re-Aktion auf Geschehnisse. Covey definierte sieben Wege der von ihm so apostrophierten „Pro-Aktivität“.

Raum zwischen Reiz und Re-Aktion: Würde

Die in der Ökonomie wurzelnde Begrifflichkeit der „Pro-Aktivität“ entstammt der, gänzlich anders gelagerten, Philosophie und Denkforschung des Psychiaters Viktor Frankl (1905 – 1997). Frankl ging es um die Würde des Menschen. Der jüdische Wissenschaftler entwarf sein Modell des Raumes zwischen Reiz und Reaktion zwischen 1942 und 1945 im KZ; seine gesamte Familie wurde in den Lagern ermordet, Frankl war der Einzige, der überlebte. Er setzte mit seinem Buch „..trotzdem Ja zum Leben sagen“ der von den Nationalsozialisten angestrebten, absoluten Ent-Würdigung und Vernichtung jüdischen Lebens etwas so Starkes, von innerer Freiheit Getragenes entgegen– dass die äußeren Repressalien, die äußere Gewalt ihn nicht zu vernichten mochten.
Warum würdigen wir in unserem heutigen Sprachgebrauch nicht diese Geschichte einer Begriffsgenese, im Sinne gerade des geistigen Prozesses, der dem Reiz-Reaktionsmodell innewohnt, indem wir unser Ausdrucksvermögen das „proaktive“ überflügeln lassen!? Warum sprechen und schreiben wir nicht von überlegtem Handeln, von klugem Agieren, von besonnenem Tun (und welche sprachlichen Flügel uns sonst noch wachsen) – statt es auf eine Kreation zusammen zu schnurren, die sowohl Sprachempfinden verletzt als auch der Fülle an Deutung nicht gerecht wird.

Ein spannender Strauß: Ist der Blitz hinein gefahren?

Mal kurz bei Wikipedia nachgeschaut: „Spannung drückt die Fähigkeit aus, Ladungen zu verschieben, sodass durch den angeschlossenen Verbraucher ein Strom fließt und Arbeit verrichtet wird. Spannung im physikalischen Sinne ist also Energie pro Ladung“ Aha! In den Strauß ist also der Blitz eingeschlagen, gern entlädt sich die Energie auch in einer Begebenheit (was für eine spannende Fortbildung), oder in einer Essenskomposition verschieben sich unablässig elektrische Ladungen (eine spannende Mischung aus süßen und sauren Aromen)…..die Vielfalt an Erleben und Erlebnissen, die heute mit dem Wörtchen „spannend“ geschmückt – nein, doch eher entstellt werden, ist kaum mehr eingrenzbar.

Spannung gleich Faszination, Neugier, Erregung

Zugegeben – der Begriff des „spannenden“ ist zwar – wie so viele andere Formulierungen unserer Alltagssprache – der Physik entliehen. Ist aber auch im übertragenen Sinne zu deuten. Das bestätigt der Duden: Erregung und Neugier hervorrufend – das ist vordringliche Assoziation. Spannung kann Faszination für etwas bedeuten, sie kann, so die Duden-Redaktion, sogar einen, allerdings angenehmen, Grusel provozieren…also sämtlich durchaus lebhafte Vorgänge, die sich auch im Partizip Präsens „spannen“ zeigen. Etwas wird gespannt und dann entsteht zwangsläufig eine Spannung zwischen den jeweiligen Enden dessen, was da gespannt wird. So hat sich die Zuschreibung von „spannend“ für Phänomene entwickelt, denen möglicherweise eine Erregung, eine Faszination innewohnt. Einem Abenteuer etwa – ja, das passt, auch noch einer Idee, so sie denn vielschichtig ist, fraglos einem Thriller, ob in filmischer oder in Buchgestalt. Was aber ist „spannend“ daran, wenn jemand eine bestimmte Entwicklung durchlaufen und zu einem Abschluss gebracht hat – etwa eine berufliche Fortbildung? „Ist das spannend, was Du da gemacht hast“ – Ja? Wirklich?

Wenn Sprache zum Einheitsbrei gerinnt

Was hat uns nur geritten in der Entwicklung unserer Alltagsprache, uns so vollends jeweils einem aktuell grassierenden Begriff zu überantworten? Wir haben doch eine so reiche Sprache; der Blumenstrauß etwa kann phantasievoll gebunden sein, farbenprächtig, das Menü prickelnd von Aromen sein, geschmackliche Gegensätze auf der Zunge explodieren lassen – ja selbst die Fortbildung von der Büroassistentin zur Leiterin „Change Challenges“ mag herausfordernd gewesen sein, lehrreich für diejenige, die die Ausbildung durchlaufen, vielleicht vorbildhaft für andere sein … aber „spannend“?!

Für heute setze ich proaktiv den Punkt zu meinen Ausführungen, hoffe auf kollaborierende Mitdenker, Widersprecher und Zupflichter – und dass so mancher dieser Überlegungen für die Leser spannend war……

Bild von My pictures are CC0. When doing composings: auf Pixabay 

Teil 2 der Blogreihe „Sprache im Fokus“: Gaukeleien zwischen Purpose und New Work

Katharina Daniels: Kommunikationsberaterin und Publizistin

Über die Autorin
Die Autorin ist Inhaberin von „Daniels Kommunikation“ (Sprache macht den Menschen aus) und Mitgründerin der Verbundinitiative „authentisch anders: Kulturwandel in Unternehmen und Gesellschaft“: Unter dem Leitgedanken der kulturellen Innovation begleiten die authentisch-anders Mentoren, mit jeweils individueller Expertise und Perspektive, Unternehmen als Sparringspartner, Inspirations- und Feedbackgeber. Damit innovationsbereite Unternehmen mit einer zukunftsweisenden Kultur Impulse in die Gesellschaft senden. Mit einer Kultur, die Mitarbeiterautonomie, Selbst-Verantwortung und Sinnhaftigkeit verbindet. In der CSR, New Work und agiles Management mehr als Worthülsen sind. So setzen Sie als Unternehmen Akzente authentisch anders – bei Ihren Stakeholdern und in Ihr gesellschaftliches Umfeld hinein!