Praktische Hilfe zur Optimierung der Führungsqualität

Frohlockend, spannend, neugierig – so befinden die Seminarteilnehmer des ersten Seminartages zum Thema „Frag‘ das Pferd“ ihre Aussichten auf den zweiten Teil des Seminares. „Ein bisschen arg Angst“ sei der Zuversicht gewichen, mit Klarheit, Respekt und Empathie die vorhandenen Führungsqualitäten für den Alltag optimieren zu lernen, sagt Dr. L. Es sei erstaunlich, „wie klar ein Pferd mit dem Menschen kommuniziert, wenn „Mensch“ offen für diese neue Form der Zwiesprache ist.“ Ich fordere als Managementtrainer und Pferdecoach die Teilnehmer auf, Supreme, den stolzen Rappwallach, für den zweiten Teil – die Kür – fertig zu machen. Trense, Longe: mehr braucht es nicht an Equipment. Leichte Unsicherheiten sind bei den Teilnehmern zu spüren. Mit Hilfe des Trainers ist die Aufgabe schnell erledigt. „Alles klar zum Abmarsch“. „Wohin?“ fragt Severin neugierig. Das Seminar findet heute in der großen Reithalle statt: 60 x 30 Meter lang. Feiner Sandboden. Absolute Ruhe

Wer drängelt, stellt sich hinten an!

So könnte man am besten das Verhalten sämtlicher Teilnehmer beschreiben, als alle Eleven auf die Tribüne zustreben, um ja nicht als erster aufgerufen zu werden, wenn es gilt, mit Supreme alleine in die Reitbahn zu gehen. „Doch noch ein wenig Bammel?“ „Klar“! Miriam traut sich als jüngste der Gruppe, ihre neuen, theoretisch gewonnenen, Führungskenntnisse unter Beweis zu stellen. Da steht sie nun mit Supreme. Die junge Dame, geschätzte 1.65 Meter groß, wirkt besonders zierlich neben Supreme, der aufmerksam den Kopf hebt und Miriam so um gute 40 cm überragt. Die erste Anweisung lautet, Supreme am Zügel in selbst gewählter Richtung im Schritt durch die Halle zu führen. Der Wallach, kastrierter Hengst (für die Fachfremden) steht felsenfest und rührt sich nicht. Ungläubig schaut er in die Runde und weiß nicht wirklich, was er tun soll.
Miriam war es gestern, die als jüngste Führungskraft dieser Runde den klugen Input gab, mit Empathie, Respekt und klarer Ansage führen zu wollen. Ich frage nach, wo denn ihre Erkenntnis des vergangenen Tages geblieben sei. Die Teilnehmerin hält inne. Halblaut repetiert sie „Klare Ansage, Respekt, Empathie und innere Haltung“. Mit ruhiger, aber klarer halblauter Stimme, gleichzeitigem Handauflegen an den Hals des Pferdes und deutlicher körperlicher Zuwendung erteilt sie Supreme den Auftrag, ihr durch die Halle zu folgen. Der Wallach setzt sich noch ein wenig unschlüssig in Bewegung und folgt der jungen Frau. Die Verblüffung ist Miriam deutlich anzumerken. Die beobachtenden Teilnehmer staunen über die Veränderung.

Mit dem inneren Auge und der inneren Stimme führen!

Während Miriam und Supreme immer mehr „Fahrt aufnehmen“ und durch die weiträumige Halle schreiten, erkläre ich, dass Führung von innen heraus passiert. Von innen heraus heißt, dass die Führungskraft einen inneren Film ablaufen lässt über das, was als Anliegen umgesetzt werden soll. Um die klare Ansage dem Mitarbeiter mit Respekt und Empathie zu überbringen, braucht es die innere Überzeugung dessen, was die Führungskraft selbst wirklich will; hier hat Supreme die Rolle des Mitarbeiters inne.
Mal angenommen, wir schließen die Augen und lassen unserer Phantasie freien Lauf, dann entstehen mehr oder weniger klare Bilder, bestenfalls sogar ein Film, der mit der eigenen Sprache unterlegt ist. Am Beispiel eines Springreiters wird verdeutlicht, dass der zu springende Parcours bereits bei Beginn des Rittes im Kopf des Reiters verinnerlicht sein muss. Sonst passieren Kommunikationsfehler zwischen Reiter und Pferd, wenn die Aufgabe nicht auch dem Pferd klipp und klar ist. Während Miriam deutlich entspannter mit ihrem Zögling durch die Halle geht und vor der Tribüne mit den Teilnehmern hält, wird quasi als Trockentraining die innerliche Entstehung einer Aufgabe geübt. „Das ist ja wie Hypnose“ raunt Dr. L. und tut sich schwer, sich auf dieses Experiment einzulassen. Er ist der Nächste, der den Wallach in der Bahn übernimmt. Supreme stellt sich wieder bockbeinig, er weiß nicht, was nun zu tun ist. Große Ratlosigkeit bei Dr. L.

Zuerst den Parcours abscannen, bevor es losgeht!

Mit meiner Unterstützung scannt Dr. L. vor seinem inneren Auge, seiner Phantasie, ab, wie er als Führungskraft erfolgreich seine Aufgabe erfüllen kann. Er schließt die Augen, richtet merklich seine Haltung, ruft sich die Notwendigkeit des Respektes und der Empathie für Supreme hervor und gibt klare Order. Der Wallach senkt den Kopf: „Ich habe verstanden“ , heißt das übersetzt, Supreme folgt jetzt bei durchhängendem Zügel, d. h. selbstständig, seiner Führungskraft.  Dr. L. ist derart mit sich und seiner Führungsaufgabe beschäftigt, dass er nur am Rande feststellt,  wie beinahe wundersam diese Zusammenarbeit funktioniert.
Dynamisch wird der Aufgabenbereich erweitert. Aus dem simplen Laufen im Kreis wird das Beschreiben einer liegenden Acht. Von der linken auf die rechte Hand (Seite) zu wechseln, funktioniert bei Supreme beinahe schneller und klarer als bei seinem „Lehrer“. Das plötzliche Anhalten endet nicht in einem „Auflaufunfall“ des Pferdes, sondern das Pferd zeigt Respekt und bleibt eine Zügellänge hinter Dr. L. stehen. „Das macht das Tier ja alles völlig von alleine“, bemerkt Dr. L. Nein, das Pferd folgt dem Seminarteilnehmer nur, weil die Führungstools kongruent ineinandergreifen und Supreme Klarheit hat über das, was er erledigen soll.

Die Freude am Führen!

Severin zeigt Mut und will ausprobieren, wie er mit Phantasie sein Pferd führen kann. Seine Aufgabe besteht darin, Supreme zum Antraben zu bewegen. Nach anfänglichen Missverständnissen zwischen Führungskraft und Pferd traben sie durch den tiefen Sandboden. Supreme stets mit Respekt zu seinem Herren auf Zügellänge von ihm getrennt. Severin probiert unter Einsatz seiner gelernten Führungstools unterschiedliche „Figuren“ im Sand. Richtungswechsel, Stehenbleiben, Wechsel von Trab in den Schritt und wieder zurück, Achter. Noch ein wenig „hakelig“, aber stets dynamischer mit der Zeit. Severin schwitzt durch das Laufen im tiefen Sand und ist ziemlich außer Atem. Die Einladung zu einer Pause wehrt er ab. Er kommt beinahe in Exstase.
Um die Zwiesprache zwischen Führungskraft und „Mitarbeiter“ zu intensivieren, wird Supreme das Zaumzeug abgenommen, sodass nun keinerlei Verbindung zwischen Severin und Supreme besteht. „Wie soll das denn bitt’schön gehen“? fragt Serverin. „Führe mit Deinen Tools und der Kraft Deiner Gedanken“.  „Zeige Supreme, dass Du Freude am Führen hast“. Die Kür beginnt nach anfänglichen Schwierigkeiten dann doch dynamisch. Alles läuft, wie Severin sich das innerlich vorstellt. Nach einer Weile schweifen seine Gedanken ab. Er ist ganz woanders. Was passiert? Supreme bleibt stehen. Er dreht sich rum und trabt in die entlegenste Ecke der Halle. Was sagt der Lehrling seinem Meister mit dieser Aktion?

Es braucht die klare Ansage

„Hey Chef, ich mach einfach, was ich will, wenn von Dir keine klare Ansage kommt“.  Severin bleibt auf Anordnung dort stehen, wo Supreme ihm ausgebüchst war. „Fokussiere Deine Führungstools und wende dem Pferd deinen Rücken zu. Warte ab!“ Die Seminarteilnehmer auf der Tribüne staunen, als der Wallach seinen aufrecht getragenen Kopf mit den spielenden Ohren senkt, kurz „überlegt“ und dann schnurstracks auf Severin zugeht. Mit Wiederaufnahme des klaren inneren Führungsprozesses setzen die beiden ihre Arbeit fort. An die äußere Begrenzung der Halle (Bande) werden in Querrichtung Sprungstangen, wie sie für Hindernisse hergenommen werden, ausgelegt. Souverän traben Severin und Supreme über diese vier Hindernisse am Boden. Auf Zuruf soll Severin nach Absolvieren des letzten Hindernisses die Richtung ändern und von der Gegenseite über die Hindernisse traben. Kein Problem für Severin und seinen Supreme. Nacheinander üben alle Seminarteilnehmer sich in diesen Übungen. In dem Moment, wenn „alle Sinne beisammen sind“, klappt die Führung bei allen reibungslos.

Transfer der Freude am Führen im Beruf!

Inwieweit lassen sich jetzt diese Erkenntnisse durch das Managementtraining am Pferd in die berufliche Praxis übertragen? Zum Schluss ein paar Zitate:

  • „Ich bin so viel entspannter“
  • „Nach all den Jahren des Kampfes habe ich gelernt, mit Freude zu managen“,
  • „Selbst mein CEO hat ohne Information mit Freuden festgestellt, wie viel souveräner ich seit Supreme führe“
  • „Danke Schorsch, du hast nicht nur meinem beruflichen, sondern auch meinem Privatleben neues Leben eingehaucht“.
  • „Seit meinem Managementtraining am Pferd hat sich die Personalfluktuation in meiner Abteilung um 50% reduziert“

Fotohinweis: Rechte beim Autor

Über den Autor
Georg Wilhelm Moeller ist Experte für Unternehmensnachfolge, Businesscoach und spezialisiert auf den Themenbereich Führung und Selbstführung. Vertiefende Informationen auf seiner Website.

Teil 1 des Reports zum Zwei-Tage-Training